Navigation





Schreiben zur Rettung des Heimes

Fräulein Schröder, die über ihre Schwester, eine Frau Rehder, eine Verbindung zur obersten Führung der SS in Berlin hatte, hat sich mit einem Brief vom 03. März.1941 an den SS Obergruppenführer Wolf – 1945 bekannt geworden als Initiator der Kapitulation der Südfront in Italien – gewandt und ihn um Einschaltung gebeten. Der Brief hat folgenden Wortlaut:

„St. Nicolaiheim                                                   Sundsacker , den 08. März 1941 Sundsacker/Schlei

An den Herrn SS Obergruppenführer Wolf.

Auf fernmündliche Mitteilung meiner Schwester, Frau Rehder, erlaube ich mir, Ihnen nachstehenden Bericht mit einer Anlage zu übersenden. Es handelt sich hier um ein evangelisches Kinderheim mit staatlich anerkannter Haushaltungsschule (170 Personen) des St. Nicolaiheimes e.V. mit dem Vorstandssitz in Kiel. Vorsitzende sind: Herr Bischof D. Mordhorst, Frau Gräfin Schwerin, Herr Landgerichtspräsident Matthiesen, Herr Kaufmann Sperling, der Präsident des Landeskirchenamtes, Herr Dr. Kinder.

Die Kinder werden uns von den verschiedenen Jugendämtern geschickt, allein vom Jugendamt Hamburg 70. Unser Haus ist augenblicklich überbelegt, weil wir bei Kriegsausbruch wegen vorübergehender Räumung eines Kinderheimes, das als Kaserne benutzt werden sollte, auf dringende Bitte des Herrn Landeshauptmanns, 40 Kinder aufnehmen mussten und uns bemüht haben, für diese, trotz des Krieges, alles was nötig war, wie Betten, Bettwäsche, zu beschaffen und auch unseren Bestand zu vergrößern. Wie aus der Anlage ersichtlich, mussten wir eine Gewerbelehrerin fristlos entlassen. Frau Junker blieb in der Gegend und hat die Zeit benutzt, um durch Verleumdung unsere Anstalt zu schädigen. Sie hat uns bei dem Arbeitsgericht in Kiel angezeigt, wo bereits unser Vorsitzender zum Termin geladen und der Frau gegenüber gestellt war. Es kam aber zu keinem Vergleich, so dass der Vorsitzende um einige Zeugen bat und zwar um drei Schülerinnen der Haushaltungsschule und um die Unterzeichnende. Dieser Termin wurde abgesagt, weil Frau Junker angeblich nicht kommen konnte. Es ist nun der 14. März festgesetzt. Am 4. Februar kamen mittags drei Herren von der Geheimen Staatspolizei, der Direktor Kähler eines Landesjugendheimes, und ein Arzt. Sie durchsuchten das ganze Haus, Schränke, Truhen usw. mussten wir öffnen. Es wurde uns keine Gelegenheit gegeben, eine Vertretung für uns zu stellen, die wie wir gewohnt sind, selbst immer dazwischen zu sein und gerade besonders in der Zeit, wo die Angestellten Mittagsruhe halten. Außerdem wurden noch für eine Stunde die sämtlichen Hilfsdienstmädel des Deutschen Frauenwerks (6) durch Warten aus dem Betrieb genommen, da sie gehört werden sollten. Nachdem sie alle Häuser besichtigt hatten, wurden uns eine Reihe Fragen gestellt und wir hatten den Eindruck, als wenn die Herren nichts Nachteiliges gefunden hätten, was ich auch daraus zu ersehen meinte, dass sie auf dem Nachbarhof, wo das Auto untergestellt war, auf des Besitzers Äußerung, im Heim wäre alles in Ordnung, erwidert hatten: Das ist auch meine Meinung.

Am 5. März wurde unser Vorsitzender zum Landeshauptmann gerufen und es wurde ihm eröffnet, dass die Beanstandungen im Bericht so schwerwiegend wären, dass das Heim geschlossen und vom Landesjugendamt übernommen würde, wenn nicht die Leitung in andere Hände käme. Jedes Jahr finden hier unangemeldet Besichtigungen der verschiedenen Behörden, von denen wir die Kinder haben, statt. Außerdem waren hier im Laufe der letzten vier Jahre zweimal Herren vom Ministerium des Inneren, wenn ich nicht irre, war ein Ministerialdirektor von Wangenheim dazwischen. Politisch ist uns bis jetzt nichts Nachteiliges nachgesagt worden. Ich bin PG, Frauenschaftsleiterin. Wir haben sofort nach der Machtübernahme eine eigene Jungmädelschargruppe gehabt, BDM, und als wir noch Knaben hatten, eine Jungschar, mussten wir sogar noch einen Führer für unser Nachbardorf Karby stellen. Vier unserer früheren Jungs sind jetzt alle im Felde, drei davon bei der SS. Näheres könnten wir noch über uns aussagen: Herr Roloff Lucht im Luftfahrtministerium, der 25 Jahre zu uns kam und uns gut kennt, die Frau des Kammersängers Ludwig, die ein Jahr unsere Haushaltungsschule besucht hat, die Tochter des Oberingenieurs Strabel, Berlin-Chlg. 9, Preußenallee 38, die ebenfalls ein Jahr die Haushaltungsschule besuchte. Ich bitte, diesen Bericht nicht als Beschwerde aufzufassen, ich möchte nur den Wunsch ausdrücken, uns zu schützen und unsere Ehre wieder herzustellen, dass wir nicht eine Anstalt sind, die den einfachsten Ansprüchen nicht genügt, uns Gelegenheit zu geben, zu den einzelnen Beschwerden Stellung zu nehmen, da wir glauben, in der Lage zu sein, sie zu entkräften, oder die Anstalt von dort aus nochmals einer Prüfung zu unterziehen.“

Ob dieser Brief von Fräulein Schröder dazu geführt hat, die Haltung der Provinzialverwaltung zu ändern, ist schwer zu beurteilen. Eine Antwort auf den Brief liegt jedenfalls in den Akten nicht vor. Fräulein Schröder selbst meint, durch ihren Bericht, ihre eigene Entlassung und die Entlassung von Schwester Elisabeth sei „verzögert“ worden. Die Provinzialverwaltung verfolgte zunächst den Plan, lediglich die pädagogische Leitung des Hauses einem Beamten der Landesverwaltung zu übertragen, bei Beibehaltung der Rechtsträgerschaft des Vereins St. Nicolaiheim e. V. Dabei überrascht es besonders, dass sich die Provinzialverwaltung darum bemühte, das Verbleiben von Fräulein Schröder als Hauswirtschaftsleiterin zu sichern, gegen die doch gerade in erster Linie die Vorwürfe mangelnder Hygiene usw. gerichtet waren. Der Vorstand unseres Vereins hat diesen Plan, dessen Verwirklichung wahrscheinlich unentwegt zu weiteren Konflikten geführt hätte, mit Entschiedenheit abgelehnt. Daraufhin forderte die Provinzialverwaltung den Verein St. Nicolaiheim e.V. auf, ihr das gesamte Anwesen in Sundsacker zum Kauf anzubieten. Nachdem bereits durch den Architekten Qualen eine Schätzung des Verkehrswertes von Sundsacker für die Verkaufsverhandlungen mit der Provinz erarbeitet war, erklärte sich diese bereit, Sundsacker anzupachten, gegen Zahlung einer monatlichen Pachtsumme von 500 Mark. Allerdings bestand die Provinzialverwaltung weiterhin darauf, zu ihren Gunsten ein Vorkaufsrecht einzutragen, das erst Jahre nach dem Zusammenbruch und der Rückgabe des Hauses wieder gelöscht worden ist. Ob die für unseren Verein gerade noch erträgliche Lösung der Anpachtung von Sundsacker durch die Provinz auf den Brief von Fräulein Schröder zurückzuführen ist, bleibt offen. Denkbar ist auch, dass sehr intensive Bemühungen meines Vaters zu dieser Haltung der Provinz geführt haben. Mein Vater hat sich mit großem Nachdruck darum bemüht, die beiden in vielen Jahren bewährten Leiterinnen von Sundsacker gegen ungerechtfertigte Angriffe zu schützen und die Möglichkeit einer späteren Weiterführung der Arbeit durch den Verein offen zu halten. Er hat sich dazu auch der Vermittlung des seinerzeit amtierenden Landrats des Kreises Eckernförde Alnor bedient, der ihm zusagte, auf den Landhauptmann „mäßigend“ einzuwirken. Unter dem Datum vom 24.5.1940 hat Landrat Alnor in einem handgeschriebenen Brief, der offenbar nicht durch die Dienstpost laufen sollte, versichert, das der Landeshauptmann sich nach seinen Kräften und bei den gegebenen Machtverhältnissen alles für Sundsacker tun werde „was ihm möglich sei“.

Ich füge den Brief von Landrat Alnor in Fotokopie in der Anlage 1) bei.

Es wird im Übrigen wohl so gewesen sein, dass die beteiligten Beamten der Provinzialverwaltung wohl erkannt haben, dass bei dem Vorgehen gegen Sundsacker tragende Grundsätze eines Rechtsstaates verletzt wurden. Sie hatten aber nicht die Möglichkeit, ohne sich selbst zu gefährden, sich gegen die 1941 schon übermächtige Gestapo und den Oberpräsidenten, der zugleich Gauleiter der NSDAP war, durchzusetzen. Unverständlich bleibt aber dem Verfasser, dass die gleichen Beamten, die später mit der Rückgabe des Nicolaiheimes an den Verein beschäftigt waren, und die doch wussten, dass die Verpachtung an die Provinzialverwaltung durch einen widerrechtlichen, rein politisch motivierten Akt herbeigeführt worden war, sich nicht veranlasst gesehen haben, durch einen großzügigen, finanziellen Schadensausgleich unserem Verein nach der Übernahme der Arbeit nach 1945 den schwierigen Neubeginn zu erleichtern. Die Verhandlungen nach der Rückgabe des Hauses wurden vielmehr in überaus kleinlicherweise geführt. Obgleich schon am 28. März 1946 ein Protokoll über eine Abschlussverhandlung, an der ich selbst teilgenommen habe, gefertigt wurde, ist die endgültige Auseinandersetzung zwischen dem Rechtsnachfolger der Provinzialverwaltung und dem St. Nicolaiheim e.V. erst Jahre später endgültig abgeschlossen worden, nachdem sich sehr intensiv Herr Dr. Epha, der damalige Präsident des Landeskirchenamtes, der über gute Beziehungen zu leitenden Beamten der Ministerialbürokratie verfügte, eingeschaltet hatte.
Mein Vater hat mit einem Schreiben vom 24.05.1941 dem Oberpräsidenten mitgeteilt, dass er mit Wirkung vom 1. Juni 1941 aus dem Vorstand des St. Nicolaiheimes ausscheide und den Vorstand gebeten habe, an seine Stelle Herrn Dr. Epha, der damals noch Konsistorialrat war, in den Vorstand zu berufen. Er bat zugleich darum, die weiteren Verhandlungen wegen des Nicolaiheimes Sundsacker mit Herrn Dr. Epha zu führen. Herr Dr. Epha verfügte 1941 als Direktor des Landesvereins für Innere Mission über gute Verbindungen zu leitenden Beamten der Provinzialverwaltung und der Partei. Der Schritt meines Vaters, auf Zeit aus dem Vorstand auszuscheiden, war deshalb sicher zweckmäßig und im Sinne der Interessen unseres Vereins, zumal überwiegend juristische Fragen in der Auseinandersetzung mit der Provinzialverwaltung zu lösen waren.
Er macht aber auch deutlich, wie sehr er unter den Angriffen gegen Sundsacker gelitten hat. Nach meinem Eindruck hat ihn dieser Akt der „Enteignung“ einer Arbeit, die ihm ganz besonders am Herzen gelegen hat, fast schwerer getroffen, als seine schmähliche Entlassung aus dem Bischofsamt durch die sogenannte „Braune Synode“ in Rendsburg.

Einer Erläuterung bedarf noch die Erklärung von Fräulein Schröder in ihrem Brief an den SS-Obergruppenführer Wolf, in dem sie schreibt, sie sei Parteimitglied, außerdem Frauenschaftsleiterin und habe dafür gesorgt, dass eine Jungmädelschargruppe und eine Jungschar im Heim eingerichtet worden sei. Es wird hier deutlich, wie die Verhältnisse im 3. Reich wirklich waren: Fräulein Schröder war alles andere als eine überzeugte Nationalsozialistin. Es war aber einfach ein gewisser Zwang ständig vorhanden, im Interesse des eigenen Überlebens und auch im Interesse der von ihr repräsentierten Einrichtung St. Nicolaiheim Sundsacker den Nachweis zu führen, dass auch man selbst und diese Einrichtung integriert sei. Fräulein Schröder wusste mit absoluter Sicherheit nichts von den Gräueltaten der SS, die uns heute bekannt sind. Es ist interessant, dass auch der verdienstvolle Dr. Epha Mitglied in einem SA-Reitersturm war. Auch für ihn gilt die von mir oben angegebene Begründung. Später hat man, vollständig zu Unrecht, ihm diese Zugehörigkeit zum Vorwurf gemacht. Ich gebe zu, für die jüngere Generation ist das schwer verständlich, weil man die in jenen Jahren gegebene Gesamtsituation – das Leben in einer Diktatur in der Fülle der Zusammenhänge – nur schwer beschreiben kann.