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Jahresbericht 1914

„Am 23. November 1914 durfte das St. Nicolaiheim in aller Stille die Einweihung des neuen Schulgebäudes in Sundsacker feiern. Wir berichteten bereits im vorigen Jahr, dass der Vater unserer Schwester Auguste, Herr Oberingenieur Wulf in Bremen, den unmittelbar an unser Grundstück angrenzenden Bauplatz erworben und mit dem darauf errichteten, ebenso praktischen wie schönen Hause in hochherziger Weise dem Heim geschenkt habe. Leider konnte der verehrte Stifter des Krieges wegen der Feier nicht beiwohnen, wurde aber zu unserer Freude durch seine Frau Gemahlin vertreten. Im feierlichen Zuge gingen wir mit den Freunden unseres Heimes aus der alten Schule in die neue hinüber, während die Kinder sangen: „Unseren Ausgang segne Gott, unseren Eingang gleichermaßen.“ Frau Wulf ließ durch ein Kind den Schlüssel des Hauses überreichen mit folgendem Gedicht:

„In ernster Zeit von kundiger Hand
auf kahler Fläche dies Haus entstand,
drin Große und Kleine sich fröhlich regen,
in stillem Vertrauen, auf Gottes Segen.
Der ferne Erbauer im Feindesland
legt grüßend den Schlüssel in Deine Hand.“

Dann zogen wir mit dem Liede „Tut mir auf die schöne Pforte“ in die neue Schule ein, die vor allem ein lichtes, geräumiges, allen hygienischen Anforderungen entsprechendes Unterrichtszimmer enthält und eine schöne Wohnung für die Lehrerin. Propst Mordhorst hielt folgende Weihrede:

„Unser Anfang geschehe im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Dies ist der Tag, den der Herr macht, lasset uns freuen und fröhlich darin sein. Amen!“

Die feierliche Weihe unseres neuen Schulhauses wollen wir heute begehen und freuen uns, dass liebe Freunde des Heimes gekommen sind, an unserer Freude teilzunehmen. Unser Herz ist voll des Dankes angesichts dieser so glücklichen und bedeutungsvollen Erweiterung unseres Sundsackerheimes. Jeder Jahresbericht ist nicht zum geringsten Teil ein Zeugnis der vielen Liebeserweisungen, die uns allein in den Stand setzen, unsere Arbeit im Segen zu treiben. Aber es gibt doch in der Geschichte unseres Heimes besondere Gnaden- und Jubeljahre. Ein solches Jahr war 1897, als Frau von Witzendorff und deren heimgegangene Schwester Baronesse von Löwenstern dies so herrlich gelegene Landshaus für die Zwecke des Heimes schenkten. Nun ist wieder ein Jubeljahr für uns angebrochen, mitten in ernster Zeit. Der hochherzige Stifter, der Vater unserer lieben Schwester Auguste, hat es uns ermöglicht, unsere kleine Schule hier in schöneren, zweckentsprechenden Räumen unterzubringen als bisher. Wir sind tief beschämt durch die uns erwiesene Güte und freuen uns der Gabe umso mehr, als sie ein rührendes Zeugnis elterlicher Liebe ist. Ja, elterliche Liebe hat den Grundstein zu diesem Hause gelegt; das ist wie eine Verheißung, dass in diesem Hause die Kinder die Liebe finden werden, die sonst die Kinder finden in ihres Vaters Haus. Wir wissen unserer Dankbarkeit zunächst keinen besseren Ausdruck zu geben, als dass wir Gott bitten, er wolle die liebe Schwester, deren treue und bewährte Arbeit wir lange schmerzlich entbehrt haben, in diesem Haus und durch dasselbe segnen, dass sie in neugeschenkter Kraft und Gesundheit mit Freuden viele Jahre unseren Kindern dienen dürfe, die ihr so ans Herz gewachsen sind. Wir danken dem Baumeister des Hauses und allen, die durch Rat und Tat geholfen haben, dass der Bau vollendet werden durfte, so wie er uns heute grüßt. Aber in aller Liebe der Menschen grüßt uns der Gott der Liebe: ihn lobt unsere Seele und an uns soll nicht vergeblich sein die Mahnung: „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Wenn wir nun dies Haus weihen wollen, dann soll es geschehen durch Gottes Wort und durch Gebet. Ein Gebet aus Gottes Wort ist der Spruch 1, Kön. 8, 29: „Lass Deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag.“ So betete Salomo am Tag der Tempelweihe und Tempelweihe ist auch unsere schlichte Feier. Denn auch von diesem Hause darf gelten: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes denn Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Gottes Reich soll durch die Arbeit, die hier getan wird, gebaut werden, und Gottes Thron soll erhöht stehen in den Herzen der Kinder, und das Ziel aller unserer Erziehungsarbeit sehen wir darin, die Kinder an die Pforte des Himmels zu führen. Wir möchten sie rüsten für die große Schule des Lebens und möchten ihnen helfen zu dem Bekenntnis:

„Mein Glaube hat den Heiland gefunden,
mein Leben zieht die rechte Bahn,
all meine Not ist überwunden,
mir ist der Himmel aufgetan.“

Wir sind so dankbar, dass unsere lieben Diakonissen dies herrliche Ziel aller Erziehung bei ihrer treuen Arbeit fest im Auge behalten. Ich freue mich, hier aussprechen zu dürfen, dass das, was die Gründer des Heimes wollten, Kinder nicht nur herausholen und gesunden, sie leiblich und seelisch sie sehr gefährdeten Verhältnissen, sondern sie gründen auf den einen Grund aller gesunden Entwicklung, auf den Grund des Glaubens an den Heiland, der der Freund der Kinder ist und ihr guter Hirte bleiben möchte, fürs ganze Leben, nur erreicht werden konnte, weil unsere Diakonissen nicht nur in Treue und mit Geschick die Arbeit anfassen, sondern sich bei allem leiten lassen von dem Wort des Herrn: „Weise meine Kinder, das Werk meiner Hände zu mir.“ Darum beten wir der Erhörung gewiss: „ Lass deine Augen offen stehen über diesem Haus Nacht und Tag.“

Hier wird wirklich Tempeldienst getan, und kein Opfer ist dem Herrn wohlgefälliger, als wenn ihm Kinder zugeführt werden, dass er sie segne, dass er ihnen Führer sei auf allen Wegen ihres Lebens. Gewiss, hier soll Schule und nicht Kirche gehalten werden; gewiss, hier sollen die Kinder gelehrt werden wie in jeder anderen Schule und nichts, was menschlich rein und edel ist, nichts, was Menschen brauchen, um ihren Platz auszufüllen, soll uns fremd sein. Aber das glauben wir doch: Wie das Herz, so ist der Mensch, und wo Gott im Herzen wohnt, da ist der Mensch recht gerüstet für den Lebensweg und den Lebenskampf. Das glauben wir doch: „Den Weg der Erde kann man nur am Himmel lernen.“ Darum legen wir das Hauptgewicht auf religiöse Erziehung, und die Ausbildung in allem Wissenswerten und Wissensnotwendigen wird dabei nicht zu kurz kommen.

Freilich, wenn wir das Ziel unserer Erziehungsarbeit uns so hoch stecken, dann sind wir uns der Unzulänglichkeit unseres Könnens nur zu sehr bewusst. Darum beten wir für Lehrer und Schüler: „Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag.“ Am Ende muss doch der Herr zuerst nach uns sehen, ehe wir nicht recht bekennen lernen „Meine Augen sehen stets zu dem Herrn.“ Wie wir Gott bitten, dass er dieses Haus äußerlich in seinen Schutz nehmen wolle, so flehen wir, dass er die Arbeit, die in diesem Hause getan wird, segnen möge, so segnen, dass in allen die hier wirken, in allen, die hier unterrichtet werden, das Gefühl lebendig bleibe: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anders denn Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Amen!

Nachdem noch die Kinder gesungen und deklamiert hatten, wurde mit Vater Unser und Segen die Feier geschlossen. Der Rundgang durch das neue, so wohnlich eingerichtete Haus wird unsere Gäste vollends überzeugt haben, wie dankbar wir sein müssen, für diesen so bedeutsamen Beitrag zur Förderung unseres Liebeswerkes.

Ein Jahr lang verwaltet Schwester Auguste dort bereits mit der ihr eigenen Gabe in aufopfernder Hingebung das oft nicht leichte Amt der Schulleiterin. Möge des Herrn Segen weiter auf ihrer Arbeit ruhen und es ihr auch gesundheitlich gegönnt sein, noch recht lange dort zu wirken.“